Zugfahrt die Zweite

Neulich dachte ich, während ich dem Weinen eines Babys ein paar Sitze vor mir zuhörte, wie schön wär es doch, wenn jetzt jemand ein Instrument herausziehen würde, um die Kinder zu beruhigen. Ich dachte an ein bisschen Jazz geklimper oder den Sound einer Klarinette.
Einige Zeit später meinte ich, tatsächlich ab und zu Gitarren-Akkorde zu vernehmen. Und tatsächlich spielte da jemand, von dem ich nur einen grauen Anzug sah. Ich fand das interessant. Bleibt doch die Frage offen, wie lange ich die Musik bereits unterbewusst wahrnahm. Sie war immer nur bruchstückhaft zu hören, muss man wissen. Der Mensch hockte im Voraum, der durch die Glastür von mir und den anderen Sitzenden, getrennt war. Schön fand ich das und es stimmte mich seelig. Leider konnte ich den Mensch nicht sehen. Groß, gut gebaut, erfolgreich und trotzdem hockte er am Boden vor den Klos und spielte Gitarre.
Bei Stendal nahm er schließlich den Platz neben mir ein. Nicht direkt neben mir. Da saß schon ein Montagspendler aus Berlin, mit viel Bier und unklarer Sprache, der mir von anderen Fahrten bekannt vorkam und trotz Bierkonsum gut roch, oder vielleicht darum.
Allmählich wünschte ich, der Spieler wäre draußen geblieben und geheimnisvoll. Schließlich hatte er sogar Koteletten. Denn der steckte sich gleich seinen I-Pot ins Ohr und kam nicht mal auf die Idee, einer kleinen Mama aus Griechenland die Tasche auf das Gepäckregal zu wuchten und seinen alten Platz haben angetrunkene Biersoldaten eingenommen, die laut Zicke-Zacke-grölten.