Terrorwelt

Die Klasse des ehemaligen Jungengymnasiums ist jetzt noch voll mit vielen Jungen, die Krokodil-Polos tragen und Maximilian heißen. Eine Handvoll gutbürgerlicher Mädchen, die allerdings unter sich bleiben, sind alibimäßig auch dabei und, dass darf man nicht vergessen, einige, deren Eltern nicht wussten, dass ihre Jungs dort nicht hingehören.
Die Jungs sind verloren.
Ich beobachte den symphatischen Haufen schon seit Wochen. Ungewohnt, dass sich jemand für sie interessiert, hat mich der erste Junge aus Klasse 6, mit dem ich mich genauer beschäftigt habe, versucht davon zu überzeugen, dass er tatsächlich seltsam ist. Schließlich nimmt man schnell als Kind die Meinung anderer an „und irgendwas abstoßendes muß man haben, wenn keiner einen leiden kann“. Unbegreiflich für einen Jungen, dass das nur an den Asselklamotten liegen kann, oder an dem fehlenden ´von` im Namen? Und so sitzen diese auch schon räumlich getrennt, an einem Tisch der einfach nicht mehr mitunterrichtet wird.
Auf meine Frage hin, was für einen Außerirdischen er gerade aus seiner Tonvase forme, sagte er, dass wäre ein Soldat von Counterstrike und machte dazu die passenden Sterbegeräusche. „Gut“, sagte ich, und fing mit ihm ein Gespräch über seine alltäglichen Nachmittagserlebnisse an, von denen ich, als Nichtspieler, wenig Ahnung habe.
Als der Junge in der zweiten Woche ein Relief machte, assoziierte ich sofort Graf Zahl von der Sesamstrasse und während ich seinen enttäuschten Blick sah, verbesserte ich: “ Nosferatu?“. Doch er belehrte mich, dass wäre doch sonnenklar „Freddy Krüger“. Und das Werk gelang ihm sehr gut. Nach der Stunde blieb ich an seiner Arbeit stehen und verteidigte sie vor allen bei der Notengebung. Irgendwie wusste jeder der KommilitonInnen das Relief dem passenden Schüler zuzuordnen und ich musste hart argumentieren, warum die Arbeit eine sehr gute Note verdient hatte. Aber damit tun sich die StudentInnen schwer, schließlich sitzen sie jetzt endlich selbst am Hebel „Daumen runter, Daumen hoch“ und man war in der Schulzeit schon genervt von solchen Sonderlingen, in deren Nähe man eine Mischung aus Abscheu und Voyeurismus erlebte.
Schließlich bekam der Junge seine gute Note, „obwohl seine Arbeit ja nicht ganz der Aufgabenstellung entsprach“. Und die Lehrerin erklärte, dass wäre nun auch egal, schließlich hat der Junge überall Fünfen und Sechsen und muss sowieso gehen. Emotionslos. „Ein Glück weg“.
Gewundert hat mich das dann auch nicht mehr…